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Angaben zum Urteil

Versorgung mit Haarersatz bei Alopecia totalis

Gericht:

SG Dresden


Aktenzeichen:

S 18 KR 1380/04


Urteil vom:

30.06.2005



Tenor:

I. Die Klage wird abgewiesen.
II. Außergerichtliche Kosten sind nicht zu erstatten.
III. Die Berufung ist zugelassen.

Tatbestand:

Die Beteiligten streiten über die Versorgung mit Haarersatz.
Der 1959 geborene Kläger leidet an einer Alopecia totalis (ICD-10 Nr. L63.0) mit Verlust des gesamten Kopfhaares, einschließlich der Wimpern und Augenbrauen, und war deshalb bereits in der Vergangenheit zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung mit Haarersatz versorgt worden.
Mit am 18.08.2004 bei der Beklagten eingegangenen Schreiben vom 03.08.2004 beantragte der Kläger unter Vorlage einer Verordnung der Fachärztin für Dermatologie und Allergologie G. S. vom 15.07.2004 die Wiederversorgung mit einer Haarperücke. Die Kosten hierfür würden sich ausweislich eines beigefügten Kostenvoranschlages der Fa. H. Inh. L. vom 16.07.2004 auf voraussichtlich 440,00 EUR belaufen.

Die Beklagte lehnte den Antrag mit Bescheid vom 23.08.2004 ab. Die Ausstattung mit Haarersatz sei insbesondere bei weiblichen Versicherten, Kindern und Jugendlichen angezeigt. Bei erwachsenen männlichen Versicherten setze die Kostenübernahme eine haarlose Kopfpartie mit narbig deformierter Kopfhaut oder ähnlich entstellenden Veränderungen bei gleichzeitig drohenden psychischen Beeinträchtigungen voraus. Keine dieser Voraussetzungen liege vor.
Gegen die Ablehnung erhob der Kläger am 17.09.2004 Widerspruch. Der völlige Verlust der Haare stelle eine Behinderung dar, weil er die äußere Erscheinung des Klägers wesentlich beeinträchtige und damit sowohl physisch als auch psychisch beeinflusse und in der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beschränke. Der Kläger sei schon beruflich auf ein ästhetisches Erscheinungsbild angewiesen. Er leide auch durchaus psychisch unter dem Haarverlust, insbesondere an stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, er fühle sich beobachtet, verfolgt, verspottet und gehänselt, soweit er auf seine Kahlköpfigkeit angesprochen oder in Augenschein genommen werde.
Die Beklagte wies den Widerspruch mit Widerspruchsbescheid vom 04.11.2004, der am 10.11.2004 postalisch und am 11.11.2004 per Telefax abgesandt wurde, aus den Gründen des Ausgangsbescheids zurück. Das fehlende Haupthaar führe auch nicht zu einem Ausschluss von Grundbedürfnissen. Die Kostenübernahme in der Vergangenheit begründe keinen Anspruch auf weitere Hilfsmittelversorgung.
Hiergegen richtet sich die am 10.12.2004 beim Sozialgericht Dresden eingegangene Klage vom 09.12. 2004. Der Haarersatz sei erforderlich, um die ausgefallene Funktion des Haupthaares - insbesondere Wärme- und Lichtschutz der Kopfhaut - zu ersetzen und das Grundbedürfnis nach Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu befriedigen. Der Ersatz wenigstens des Haupthaares gleiche die völlig fehlende Behaarung im Kopfbereich aus. Die psychischen Beeinträchtigungen hätten sich zu einer Neurose mit Zukunftsängsten, Minderwertigkeitskomplexen, Stimmungsschwankungen, Verfolgungswahn und zunehmender Vereinsamung verfestigt, wegen der er sich in ärztlicher Behandlung befinde. Die Ausstattung mit einem Haarteil könne diese Beeinträchtigungen, wie die Vergangenheit gezeigt habe, kompensieren. Zudem trügen die Schädelform sowie sichtbare Vernarbungen zur Beeinträchtigung des Aussehens bei.


Die Bevollmächtigten des Klägers beantragen,

den Bescheid der Beklagten vom 23.08.2004 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 04.11.2004 aufzuheben und die Beklagte zu verurteilen, die Kosten für den Haarersatz (Perücke/Toupet) des Klägers vollständig zu übernehmen und zu zahlen.


Die Beklagte beantragt,

die Klage abzuweisen.
Entscheidend sei, ob nach objektiven Maßstäben durch eine Behinderung ein allgemeines Grundbedürfnis des täglichen Lebens, hier die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, berührt ist. Die Haarerkrankung wirke nicht derart entstellend, dass sie die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beeinträchtige. Psychische Erkrankungen seien durch eine Perücke nicht positiv zu beeinflussen.

Das Gericht hat Fotografien von Portrait und Hinterhaupt des Klägers in Augenschein genommen. Diese sind Bestandteil der Gerichtsakte. Auf Blatt 24 der Akte wird insoweit verwiesen. Im Übrigen wird wegen der Einzelheiten auf den Inhalt der gerichtlichen Verfahrensakte und auf die beigezogene Verwaltungsakte der Beklagten Bezug genommen.

Fortsetzung/Langtext


Quelle:

Sozialgerichtsbarkeit BRD


Referenznummer:

R/R2272


Weitere Informationen

Themen:
  • Hilfsmittel /
  • Prothesen

Schlagworte:
  • Alopecia /
  • Diskriminierung /
  • Haarausfall /
  • Haarersatz /
  • Haarverlust /
  • Hilfsmittel /
  • Kostenübernahme /
  • Krankenversicherung /
  • Perücke /
  • Prothese /
  • soziale Teilhabe /
  • Sozialgerichtsbarkeit /
  • Urteil


Informationsstand: 27.07.2005

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