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Angaben zum Praxisbeispiel

Sachbearbeiter mit einer Sehbehinderung beim Landschaftsverband Rheinland

Arbeitgeber:

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) ist ein Kommunalverband mit etwa 19.000 Mitarbeitern und hat seinen Sitz in Köln. Im Rahmen der Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung engagiert sich der LVR für eine inklusive Gesellschaft, was durch sein Leitbild 'Qualität für Menschen' unterstrichen wird. Die Verwaltungsorgane des LVR teilen sich in 9 Dezernate auf, von denen der Mitarbeiter beim Integrationsamt im Dezernat 5 'Schulen-, Integrationsamt und Soziales Entschädigungsrecht' beschäftigt ist.

Behinderung und Funktionseinschränkung des Mitarbeiters:

Der Mitarbeiter hat eine fortschreitende Netzhauterkrankung (Retinitis pigmentosa) und ist hochgradig seh- bzw. schwerbehindert. Durch das eingeengte Gesichtsfeld (sog. Tunnelblick), eine erhöhte Blendempfindlichkeit sowie Störungen des Kontrastsehens ist seine optische Wahrnehmung eingeschränkt. In den letzten Jahren hat sich das Sehvermögen des Mannes weiter verschlechtert.

Ausbildung und Beruf:

Der Mann absolvierte eine Ausbildung im Bereich Metalltechnik und war anschließend einige Jahre bei einem Maschinenbau-Unternehmen tätig. Während der letzten Zeit beim Unternehmen kam es häufig vor, dass er über Gegenstände stolperte, die er nicht erkannte. Da er im Unternehmen nicht mehr weiter beschäftigt werden konnte und arbeitslos wurde, nahm er Kontakt zur Agentur für Arbeit auf. Die Agentur für Arbeit vermittelte ihn zu einer Berufsfindungsmaßnahme in ein Berufsförderungswerk (BFW). Dort lernte er verschiedene Berufsfelder kennen und wurde parallel erstmalig über Hilfsmittel (Großbildschirme, Vergrößerungssoftware usw.) informiert, die ihn bei der Arbeit und im Alltag unterstützen können. Zu dieser Zeit genügte sein Sehvermögen jedoch noch aus, um weitestgehend ohne Hilfsmittel arbeiten zu können. Im Verlaufe der Berufsfindung stellte sich heraus, dass die Arbeit an einem Büroarbeitsplatz für den Mann geeignet ist und seinen Neigungen entspricht. So begann er beim BFW zunächst eine spezielle Ausbildung zum Büropraktiker mit entsprechender Ausbildungsregelung für Menschen mit Behinderung. Er wechselte später, aufgrund seiner guten Leistungen, in eine übliche Ausbildung zum Bürokaufmann. Nachdem er die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, nahm er an einem Bewerbungstraining des BFW teil und bewarb sich beim LVR für den Verwaltungsdienst. Der Mann wurde nach dem erfolgreichen Bewerbungsgespräch für die Registratur des Landschaftsverbandes eingestellt. Später begann er mit einem Angestelltenlehrgang - einer Weiterbildung, die nach erfolgreichem Bestehen einem Abschluss der Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten gleicht. Der Mitarbeiter ist seitdem als Sachbearbeiter für Zahlungsgeschäfte und Buchhaltung beim LVR tätig.
Da sich sein Sehvermögen weiter verschlechterte, besuchte er erneut ein BFW, um an einer Blindentechnischen Grundausbildung teilzunehmen. In dieser dreimonatigen Ausbildung erlernte er beispielsweise die Braille-Schrift und Blinden-Hilfsmittel kennen.
In REHADAT finden Sie auch Ausbildungseinrichtungen für blinde und sehbehinderte Menschen.

Arbeitsplatz und Arbeitsaufgabe:

Der Sachbearbeiter ist an einem Bildschirmarbeitsplatz mit ergonomischen Büromöbeln in der Verwaltung tätig. Sein Arbeitsplatz ist behinderungsbedingt ausgestattet mit (Bild 1):
- einem Bildschirmlesegerät mit Kreuztisch und Großbildschirm
- einem mobilen Zeichenlesegerät
- einem PC mit Großbildschirm, Braillezeile und Großschriftkontrasttastatur
- einer Vergrößerungssoftware
- einem Screenreader
- einem Headset
- einer Stehleuchte mit indirektem Licht zur besseren und blendfreieren Ausleuchtung
- Jalousien zur Blendungsvermeidung durch einfallendes Tageslicht
Der Sachbearbeiter erhält für seine Tätigkeit spezielle Vorlagen mit einer zugehörigen Akte, die von anderen Kolleginnen und Kollegen der Abteilung erarbeitet wurden. Diese Vorlagen sind mit Zahlungen verknüpft, welche in einem Programm in entsprechende Masken eingegeben werden müssen. Die Aufträge samt Akten erhält er, wie auch seine Kolleginnen und Kollegen, über den hausinternen Botendienst.
Mit Hilfe des Bildschirmlesegerätes kann er sich die in Papierformat vorliegenden Dokumente auf dem einen der beiden Großbildschirme vergrößert und kontrastreicher anzeigen lassen (Bild 2). Für die eigentlichen EDV-Arbeiten am PC wird eine Vergrößerungssoftware eingesetzt, durch welche die optischen Inhalte vergrößert und kontrastreicher auf dem anderen Großbildschirm anzeigt werden können. Zur Dateneingabe benutzt der Mann eine Großschriftkontrasttastatur, die er wie üblich über das Zehnfingersystem blind bedienen kann. Für den täglichen Schrift-Verkehr und um Fehler bei der Dateneingabe zu vermeiden, kann der Mitarbeiter seine Eingaben taktil oder akustisch kontrollieren. Dabei können die optischen Bildschirminhalte des PC mit Hilfe einer speziellen Software (Screenreader) über die Braillezeile taktil ausgegeben und mit den Fingern gelesen oder über ein Headset akustisch vorgelesen werden (Bild 3 und 4).
Da seine Arbeit einen hohen Anteil an Lesetätigkeiten beinhaltet, nutzt der Sachbearbeiter außerdem ein mobiles Zeichenlesegerät. In Verbindung mit den anderen Hilfsmitteln zur Informationsausgabe wird so ein Wechsel der Sinnes- bzw. Eingangskanäle ermöglicht und Ermüdung vorgebeugt. Das mobile Zeichenlesegerät besteht aus der eigentlichen Brille des Sachbearbeiters an deren Gestell genau genommen ein kleines Lesegerät, in Form einer speziellen Kamera mit Bügel zur Sprachausgabe, befestigt wurde. Über ein Kabel ist die Kamera mit dem Akku und Minicomputer verbunden, die am Körper getragen werden können. Der Mitarbeiter ist mit dem mobilen Zeichenlesegerät in der Lage sich einfach Texte vorlesen zu lassen. Dafür zeigt er beim Tragen des mobilen Zeichenlesegerätes mit dem Finger auf den vorzulesenden Text. Der Text wird in Echtzeit in Sprache umgewandelt und über den am Hörknochen anliegenden Bügel direkt ins Ohr weitergeleitet. So kann der Sachbearbeiter beispielsweise schnell eine zu bearbeitende Akte heraussuchen (Bild 5) - ohne die schwenkbare und unhandliche Kamera des Bildschirmlesegerätes nutzen zu müssen - oder sich Briefe vorlesen lassen (Bild 6), während er sich in dieser Zeit in seinem Büro bewegen und gegebenenfalls parallel Arbeiten erledigen kann. Das mobile Zeichenlesegerät verfügt außerdem über die Option Gesichter zu erkennen und den entsprechenden Namen der Person anzusagen. Dafür muss ein Register im Speicher des Minicomputers angelegt werden, in dem wichtige Namen einprogrammiert sind. Betritt eine registrierte Person das Büro oder begegnet dem Mitarbeiter auf dem Flur, wird der entsprechende Name genannt. Diese Option funktioniert nur, wenn die Kamera dabei das Gesicht einer Person frontal erfassen kann.

Kommentar des Mitarbeiters zum Arbeitsplatz:

Für den Mitarbeiter stellt das mobile Zeichenlesegerät - als Kombination aus eigener Brille mit Lesegerät - eine Ergänzung zu den anderen eingesetzten Hilfsmitteln dar. Er kann mit dem mobilen Zeichenlesegerät effektiv arbeiten und es universell einsetzen. Laut eigener Aussage eignet sich das System jedoch noch nicht zur längeren Nutzung über einen ganzen Arbeitstag. Problematisch sei vor allem die fehlende Kontrollinstanz. Während beim Lesen eines Textes durch eine Person eine unverständliche Passage einfach erneut gelesen werden kann, besteht beim mobilen Zeichenlesegerät noch nicht die Möglichkeit einen vorgelesenen Text wiederholen zu lassen. Daher wird ein hohes Maß an Konzentration benötigt, um alle wichtigen Informationen aus der Textausgabe herauszufiltern und diese auch zu behalten.

Arbeitsorganisation:

Bei einem Meeting oder einer Schulung erhält der Sachbearbeiter die entsprechenden Unterlagen vor dem Termin zur Ansicht. So kann er sich bereits an seinem Arbeitsplatz mit den Hilfsmitteln und Unterlagen vorbereiten und diese auf ein Tablet speichern. Während der Veranstaltung kann er sich dann die Inhalte parallel gezoomt auf dem Tablet anzeigen lassen. Bei Bedarf besteht auch die Möglichkeit das Bildschirmlesegerät von seinem Arbeitsplatz mitzunehmen, um beispielsweise Texte von Tafeln mit Hilfe der schwenkbaren Kamera lesen zu können. Vor Ort muss in diesem Fall dann ein entsprechender Bildschirm vorhanden sein. Sollten zusätzlich Unterlagen in Papierformat im Meeting oder einer Schulung eingesetzt werden, die nicht vorher auf dem Tablet gespeichert wurden, so kann er auch das mobile Zeichenlesegerät einsetzen.

Arbeitsumgebung - Mobilität:

Auf dem Fußboden im Haus sind ein Leitsystem sowie Kontraststreifen an Türen bzw. deren Glasscheiben vorhanden. Der Mitarbeiter erreicht mit Hilfe der öffentlichen Verkehrsmittel und zu Fuß seinen Arbeitsplatz.

Eingesetzte Hilfsmittel - Anzeigen der Produkte:


Förderung und Mitwirkung:

Die Rentenversicherung förderte die Berufsfindung, die Berufsausbildung bzw. Umschulung, die Blindentechnische Grundausbildung und Hilfsmittel, wie Braillezeile, Screenreader und Großschriftkontrasttastatur. Die weiteren Hilfsmittel wurden im Rahmen der begleitenden Hilfen im Arbeitsleben (Bildschirmlesegerät, Großbildschirm, mobiles Zeichenlesegerät ohne Brille und Stehleuchte) von der örtlichen Fachstelle für Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben bzw. dem Integrationsamt gefördert. Die Beratung zur behinderungsgerechten Gestaltung erfolgte durch den Technischen Beratungsdienst des Integrationsamtes Köln bzw. Landschaftsverbandes Rheinland.
In REHADAT finden Sie auch die Adressen und Telefon-Nummern der Fachstellen für Menschen mit Behinderung im Beruf bzw. Arbeitsleben und der Integrationsämter.



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  • ERGOS - Sehen /
  • IMBA - Arbeitszeit /
  • IMBA - Lesen /
  • IMBA - Licht /
  • IMBA - Sehen /
  • IMBA - Sehen (Gesichtsfeld/Räumliches Sehen) /
  • MELBA - Lesen


Referenznummer:

PB/111004



Informationsstand: 16.04.2018