Hilfsmittel für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung

Computer bedienen, das Internet nutzen, Inhalte lesen und sich orientieren sind zentrale Voraussetzungen, um sich selbstständig zu informieren, zu verständigen und mobil unterwegs zu sein. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sowie digitale Medien sind dafür einsetzbar, um die gleichberechtigte Teilhabe von sehbehinderten und blinden Menschen am schulischen, beruflichen und sozialen Leben zu unterstützen.

Für einen kompakten Überblick sind hier beispielhafte assistive Produktarten mit dem Fokus auf Computerhardware und Software sowie elektronische Hilfsmittel beschrieben.

Die REHADAT-Wissensreihe zu Sehbehinderung und Blindheit liefert Basisinformationen zu den Sinneseinschränkungen sowie Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung mit technischen Hilfsmitteln.

Die Bandbreite der technischen Hilfsmittel ist groß, doch sind einige Produktmerkmale typisch beziehungsweise erwähnenswert wie beispielsweise:

  • große Zahlen oder Buchstaben
  • große, beleuchtete Anzeigen (Displays)
  • Spracheingaben und Sprachausgaben
  • taktile Markierungspunkte (Brailleschrift)
  • Führungslinien und -kanten
  • Zwei-Sinne-Prinzip der Barrierefreiheit (akustische und vibrierende / tastbare Alarm-Signale)
  • Ultraschall oder GPS (Global Positioning System) zur Orientierung
  • RFID-Technik (Radio Frequency Identification) zur Etikettierung beziehungsweise Produkterkennung

Brailledrucker (Punktschriftdrucker): Brailledrucker stanzen die Blindenpunktschrift (Braille-Schrift) oder Grafiken auf spezielles Papier. Das Punktschriftpapier ist wesentlich dicker und robuster als herkömmliches Papier für übliche Drucker. Damit werden Informationen für Menschen mit Blindheit, die die Blindenpunktschrift beherrschen, fühlbar und damit lesbar gemacht. Eine spezielle Konvertierungssoftware wandelt Dateien in den Brailleschrift-Zeichensatz um. Es gibt doppelseitig druckende Brailledrucker mit Endlospapier oder kleine, handliche Brailledrucker mit Einzelblattzufuhr für den mobilen Einsatz.

Braillezeilen: Braillezeilen geben den Bildschirminhalt in der Blinden-Punktschrift Braille aus, die durch unterschiedlich hohe Stifte mit den Fingerkuppen ertastbar sind. Der angezeigte Ausschnitt lässt sich verschieben und entspricht in etwa einer DIN A4-Zeile. Ein Screenreader ist als Brückensoftware zwischen Ausgabemedium und Computer erforderlich. Meist wird auch eine kombinierte Sprachausgabe am Computer genutzt. Mit einer Braillezeile kann man üblicherweise nur den Bildschirminhalt lesen, aber keine Daten eingeben. Größere, 80-stellige Braillezeilen eignen sich für stationäre Arbeitsplätze, wohingegen kleinere und mobile Braillezeilen mit 12, 20 oder 40 Modulen vorzugsweise für mobiles Arbeiten wie zum Beispiel mit dem Notebook einsetzbar sind.

  • Braillenotizgeräte: Braillenotizgeräte sind kleinere Geräte für den mobilen Einsatz. Sie sind mit Sprachein- und ausgabe sowie mit Brailleein- und ausgabe ausgestattet, alternativ auch mit einer Laptoptastatur für die Texteingabe. Sie verfügen über die üblichen Schnittstellen und Datenverbindungen sowie ein Standardbetriebssystem und lassen sich mit dem PC-System synchronisieren.

Vorlesesysteme (Zeichenlesegeräte, Lesesprechgeräte): Vorlesesysteme scannen Papierdokumente wie Bücher, Artikel oder Rechnungen ein und speichern diese in einer Datei. Eine Texterkennungssoftware (handelsübliche OCR Optical Character Recognition – Software oder spezielle Scanner-Software für Blinde) verarbeitet die Daten, welche anschließend von der Sprachausgabe wiedergegeben werden. Optional kann die Person den Text auch mit einer Braillezeile lesen oder in Blindenschrift ausdrucken, wenn zusätzlich noch ein Punktschriftdrucker mit dem System verbunden ist.

Man unterscheidet geschlossene und offene Systeme:

  • Geschlossene Vorlesesysteme sind kompakt gefertigte Geräte, die alle Komponenten vom Scanner, Texterkennungssoftware bis zur Sprachausgabe enthalten. Die Funktionen sind auf wenige, gut tastbare Bedienelemente verteilt und somit leicht bedienbar. Die Ausgabe erfolgt per Sprachausgabe oder Braillezeile. Einige geschlossene Geräte speichern die eingescannten Texte ab. Geschlossene Vorlesesysteme sind vor allem für Menschen mit Späterblindung geeignet und ersetzen die Nutzung eines Computers.
  • Offene Vorlesesysteme werden üblicherweise am Arbeitsplatz auf einem handelsüblichen PC in Kombination mit Scanner, Texterkennungssoftware und der Vorlesesoftware eingesetzt. Offene Vorlesesysteme geben die eingescannten Dokumente im Gegensatz zu geschlossenen Systemen nur per Sprachausgabe aus. Die Daten lassen sich mit herkömmlichen Textverarbeitungsprogrammen speichern und weiterverarbeiten. Das System ist über die Computertastatur steuerbar.

Großschrifttastaturen: Diese Tastaturen für Menschen mit Sehbehinderung verfügen über kontrastreiche und größere Beschriftungen sowie teilweise über fühlbare Markierungen.

Bildschirme: Für Menschen mit Sehbehinderung sind große Monitore mit einer Bildschirmdiagonale von mindestens 20 Zoll und hoher Bildschirmauflösung (Darstellungsgröße der Bildpunkte/Pixel) wichtig, insbesondere wenn sie eine Vergrößerungssoftware nutzen. Neben der Monitorgröße sind Helligkeit und Kontrast, Spiegelungseigenschaften und die Einstellbarkeit auf persönliche Anforderungen von Bedeutung.

Screenreader: Der Screenreader ist eine komplexe Bildschirmein- und -auslesesoftware, die Bildschirminhalte steuert. Die Software interpretiert die Bildschirminformationen (z. B. Texte, Grafiken und deren Bedeutung, die aktuelle Eingabeposition oder den Bildschirmaufbau) und gibt sie taktil über Braillezeilen oder akustisch per Sprachausgabe aus. Es gibt externe Screenreader-Software, die auf dem PC installiert ist (z. B. JAWS) sowie integrierte Screenreader. TalkBack ist beispielsweise der Screenreader von Google auf Android-Geräten, VoiceOver ist in iOS-Geräten eingebaut. Screenreader helfen zudem, große Teile der Standardsoftware selbstständig zu nutzen. Allerdings lässt sich nicht jedes Computerprogramm mit einem Screenreader bedienen, beispielsweise aufgrund mangelhaft angepasster Software. Eine Anwendungsschulung ist daher empfehlenswert.

Vergrößerungssoftware: Für Menschen mit Sehbehinderung gibt es Bildschirmvergrößerungs-Software, die nicht nur Bildschirminhalte größer darstellt, sondern beispielsweise auch Kontraste und Farben verstärkt und den Fokus (z. B. Laufschrift, Dokumentlesefunktion) verfolgt. Verschiedene Ausgabemedien (z.B. Sprachausgabe, Braillezeile) lassen sich mit der Software kombinieren. Die im vergrößerten Bildausschnitt nicht sichtbaren Informationen sind damit verfügbar, was die Augen entlastet.

Sprachausgabe: Sprachausgaben lesen Text auf dem PC-Bildschirm laut vor. Eine Sprachausgabe ist fester Bestandteil eines Vorlesesystems oder Screenreaders, der die Orientierung auf dem Bildschirm ermöglicht. Sprachgeschwindigkeit, Lautstärke, Tonhöhe und Satzmelodie lassen sich individuell einstellen. Es gibt Sprachausgaben als eigenständige Software (z. B. zur Umwandlung von Text auf dem Computerbildschirm oder Display eines Smartphones in Sprache, Vorlesen von SMS und E-Mails auf einem Handy). Diese standardisierten Ansage-und Vorlese-Funktionen werden nicht speziell für Menschen mit Sehschädigung entwickelt, sondern sind häufig für die mobile Nutzung (z. B. Autofahrende) vorgesehen.

Text- und Objekterkennungssoftware (Zeichenlesesoftware): Texterkennungssoftware (häufig OCR-Software genannt – Optical Character Recognition) identifiziert Buchstaben in einem Dokument oder in grafischen Dateien wie PDFs, Fotos oder Scans und wandelt diese in digitale Textdateien um. Die Textdateien lassen sich weiter editieren oder kopieren. Die Ausgabe der Textdateien erfolgt in der Regel in Kombination mit Computern und Mobilgeräten über eine Screenreader-Software (z. B. per Sprachausgabe). Üblicherweise übertragen Scanner (z. B. Flachbett-Scanner) die Schriftdokumente. Für das gelegentliche Scannen eignen sich auch Smartphones. Objekterkennungssoftware gleicht dagegen Fotos oder Codes wie Barcodes mit einer Datenbank ab und gibt die dazu gespeicherten Beschreibungen aus. Damit lassen sich beispielsweise Produkte und teilweise  Gesichter erkennen.

Spracherkennungssoftware: Eine Spracherkennungssoftware kann Sprache automatisch in einen Text umwandeln, der direkt auf dem Bildschirm erscheint. Mit der Spracherkennungssoftware sind auch Computer und andere Geräte steuerbar. Je nach Grad der Sehbehinderung ist die Spracherkennung aber nur in Verbindung mit anderen Hilfsmitteln wie Braillezeile, Screenreader, Vergrößerungssysteme oder Sprachausgabe sinnvoll. In mobilen Endgeräten mit den Betriebssystemen Android und iOS sind eigene Spracherkennungen integriert.

Apps: Für mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets gibt es zahlreiche, häufig vorinstallierte Apps (Anwendungen für kleine Displays und Touchscreens), die auch für Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit hilfreich sind. Beispiele sind Apps zur Erkennung von Texten, Barcodes, Farben, Licht oder Geldscheinen. Native Apps sind auf das jeweilige Betriebssystem des Computers (z. B. iOS, Android) zugeschnitten. Web-Apps laufen plattformunabhängig im jeweiligen Internetbrowser und sollten die anderen benötigten Hilfsmittel (z. B. Screenreader) gut unterstützen. In unserer App-Suche können Sie nach weiteren Apps im App Store (iOS) und bei Google Play (Android) suchen.

Sonstige Software für Menschen mit Sehbehinderung: Andere spezielle Software-Programme für Menschen mit Sehbehinderung sind ausschließlich durch die Tastatur über direkte Eingabebefehle und Menüs bedienbar. Die Software-Palette umfasst barrierefreie Währungsumrechner, E-Mail-Clients, barrierefreie Datenbank-Software oder Verwaltungsprogramme für elektronische Akten und andere Dokumentenmanagementsysteme.

Vergrößernde Sehhilfen unterstützen Menschen mit Sehbehinderung beim Lesen und bei der räumlichen Orientierung, wenn Brillen oder Kontaktlinsen nicht ausreichen. Mit zunehmender Vergrößerung verkleinert sich jedoch der dargestellte Bildausschnitt.

Optische Sehhilfen: Optische Sehhilfen vergrößern Informationen auf Papier oder Displays im Nah- und Fernbereich für Menschen mit Sehbehinderung. Sie kommen meist bei einem nicht so hohen Vergrößerungs- sowie Kontrastbedarf und beim Lesen kürzerer Texte zum Einsatz. Je nach Bauart ist eine bis zu 12-fache Vergrößerung möglich.

  • Optische Sehhilfen für den Nahbereich: Hierzu zählen zum Beispiel Lupen, Lupenbrillen und Linsen. Es gibt beispielsweise Lupen und Standlupen mit Beleuchtung oder Großbildlupen, die vor einem TV-Bildschirm platziert werden. Bildschirmbrillen für den Arbeitsplatz sind angepasste Sehhilfen für Tätigkeiten am Computer, wenn normale Lese- oder Gleitsichtbrillen oder Kontaktlinsen die Sehanforderungen nicht erfüllen. Die Entfernung zum Monitor ist bei Bildschirmbrillen auf etwa 50 bis 70 cm abgestimmt. Häufig übernimmt der Arbeitgeber im Rahmen seiner arbeitsschutzrechtlichen Verpflichtungen die kompletten Kosten der Bildschirmbrille.
  • Optische Sehhilfen für den Fernbereich: Dies sind zum Beispiel Ferngläser, Fernrohre und Fernrohrbrillen. Fernrohrbrillen oder Monokulare (Taschenfernrohre) erleichtern die Orientierung in unbekannter Umgebung (z. B. Lesen von Straßenschildern oder Anzeigetafeln aus größerer Entfernung). Fernrohrlupenbrillen (Fernrohrbrille mit Aufstecklupe) können den Lesefluss erleichtern.

Elektronische Sehhilfen: Elektronische Sehhilfen vergrößern Informationen von Papierdokumenten oder Schreibtafeln auf stationären oder mobilen Geräten. Häufig ist die Darstellung verschiedener Kontraste (hell-dunkel, farblich) und in manchen Fällen auch die Texterkennung möglich, so dass sie sich auch für Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung eignen. Je nach Modell und Monitorgröße ist eine 5- bis 60-fache Vergrößerung möglich.

  • Bildschirmlesegeräte: Elektronische Bildschirmlesegeräte, auch Kamera-Lesesysteme genannt, nehmen Textausschnitte (z. B. Schriftstücke, Bücher) auf und übertragen sie stark vergrößert auf einen Bildschirm. Sie können auch bei erhöhtem Kontrastbedarf sinnvoll sein. Bildschirmlesegeräte gibt es für den Nah- und/oder Fernbereich (mit Fernkamera) wie zum Beispiel für das Erkennen der Inhalte von PowerPoint-Vorträgen oder auf Schultafeln. Man unterscheidet stationäre, transportable und mobile, kleine Bildschirmlesegeräte.
  • Elektronische Lupen: Elektronische Lupen sind akkubetriebene Bildschirmlesegeräte im Taschenformat für den mobilen Einsatz. Sie vergrößern weitaus stärker als optische Handlupen.

Schnurlose Festnetztelefone und Mobiltelefone (Handys): Auf die Sinnesbehinderung angepasste Festnetz- und Mobiltelefone verfügen beispielsweise über fühlbare Großtasten, kontrastreiche Displays, Speicherfunktionen zur Direktwahl, Sprachsteuerung, Screenreader für die Sprachausgabe oder Ausgabe über eine anschließbare Braillezeile sowie Vergrößerungssoftware mit der Anbindungsoption von Braillezeilen. Die Software muss mit dem Telefongerät kompatibel sein.

Smartphones: Smartphones entsprechen kleinen Computern, mit denen man telefonieren kann. Sie bieten vielfältige vorinstallierte oder optionale Bedienungshilfen wie Zoomfunktion, Screenreader, Sprachausgabe oder Texterkennung. Mehr zur Barrierefreiheit von Handys und Smartphones erfahren Sie hier.

Audio-Abspielgeräte (DAISY-Player): DAISY ist der weltweite Standard für navigierbare Multimedia-Dokumente (Digital Accessible Information System). Mit DAISY-Playern lassen sich Audiodateien wie DAISY-Hörbücher im komprimierten mp3-Format abspielen oder Dokumente wie Zeitungen lesen. Die Geräte sind mit Sprachausgabe ausgestattet und bieten Navigations- und Einstellmöglichkeiten, so dass man blättern, zu Kapiteln springen oder die Lesegeschwindigkeit anpassen kann. Als Alternative zu DAISY-Abspielgeräten kann man kostenlose Software auf den Computer herunterladen und die DAISY-Inhalte anhören. Eine Übersicht über Blindenbüchereien mit Daisy-Büchern erhält man hier: Mediengemeinschaft für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen e. V. 

Elektronische Lesegeräte (E-Book-Reader): Mit E-Book-Readern sind digitale Bücher (E-Books) lesbar. Die Geräte sind einfach zu bedienen, haben eine große Speicherkapazität und verschiedene Hilfsfunktionen wie blendfreie Displays, Zoomfunktionen und je nach Modell eingebaute Sprachausgaben.

Elektronische Orientierungshilfen (Navigationssysteme): Dies sind Geräte oder Apps, die Hindernisse erkennen und die geplante Route sowie den geographischen Standort per Sprachausgabe akustisch signalisieren. Je nach Bauart gibt es Navigationssysteme mit Ultraschall, Laser und dem satellitengestützten Global Positioning System (GPS).

Blindenstöcke: Der Blindenstock (weißer Langstock) unterstützt die taktile Orientierung auf Wegen und in Gebäuden. Die Stockspitze ertastet Unebenheiten und Hindernisse wie Bordsteine oder Treppen. Um den Blindenstock zu nutzen, ist ein meist von der Krankenkasse finanziertes Mobilitätstraining erforderlich.

Arbeitsleuchten (Low Vision Leuchten), die blend- und flimmerfrei sind, können die Sehschärfe, Kontrastwahrnehmung und die Lesegeschwindigkeit vor allem bei langer Bildschirmtätigkeit verbessern. Die Norm-Beleuchtungsstärken (ausgedrückt in Lux) sollten für sehbehinderte Menschen um mindestens 50 bis 100 Prozent höher sein. Bei der Lichtauswahl ist je nach Seheinschränkung die Lichtfarbe entscheidend. Die Wahrnehmung der Lichtfarbe wird durch die Farbtemperatur beeinflusst, das heißt: je niedriger die Farbtemperatur (gemessen in Kelvin), desto höher ist der Rotanteil in der Weißfarbe und das Licht wird wärmer empfunden als ein Weiß mit höherer Farbtemperatur und entsprechend höheren Blauanteilen. Leuchten mit Farbtemperaturen, die dem Tageslicht ähnlich sind, erreichen einen Wert von über 6000 Kelvin.

 

Stand: 2019