Inhalt

1. Allgemeines

Seitdem es Apps für Mobilcomputer gibt, haben sich diese Programme als wertvolle und vergleichsweise kostengünstige Hilfsmittel für die Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsleben etabliert. In diesem Artikel soll die Nutzung von Apps für Menschen mit Behinderungen auf mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets betrachtet und einige Beispiele vorgestellt werden. Aufgrund der schnelllebigen Marktentwicklung kann dieser Artikel keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit erheben.


1.1. Was bedeutet App?

App ist die Kurzform des Wortes Applikation. Gemeint ist damit ein Computerprogramm. Im heutigen Sprachgebrauch sind Apps meist Anwendungen für mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets. Sie können über einen in das Betriebssystem integrierten Onlineshop bezogen und direkt auf dem Endgerät installiert werden. Da sich Apps mit weniger Aufwand programmieren lassen als frühere Computerprogramme, kommen stetig neue Anwendungen auf dem Markt. Allerdings bieten günstige oder kostenlose Apps häufig nicht einen so großen Funktionsumfang wie auf üblichem Weg erstellte und vertriebene, teurere Software.


1.2. Apps als Hilfsmittel

Apps, die von vornherein als Hilfsmittel konzipiert wurden, gibt es für die unterschiedlichsten Behinderungen. Da Apple bislang die meisten barrierefreien Entwicklungen für mobile Endgeräte hervorgebracht hat, werden im Folgenden hauptsächlich Apps betrachtet, die auf iPhone (Smartphones) und/oder iPad (Tablets) von Apple laufen.


1.3. Betriebssysteme für Mobilgeräte

Damit Smartphones und Tablets lauffähig sind, benötigen sie ein Betriebssystem. Für die barrierefreie Nutzung von Apps müssen folglich auch das Betriebssystem und das Endgerät barrierefrei sein. Das Betriebssystem sorgt für Ein- und Ausgabe aller Informationen. Es bedient sich hierbei der üblichen Bestandteile des Endgeräts (Touchscreen, Lautsprecher, Bluetooth-Verbindung).

Drei Betriebssysteme sind heute für Mobilgeräte marktführend:

  • iOS von Apple läuft nur auf Apple-Smartphones und Apple-Tablets, also auf iPhone, iPad und dem neuen iPad Mini (ansonsten auch auf dem iPod Touch, der jedoch kein vollwertiges Smartphone ist).
  • Android von der Open Handset Alliance (Hauptmitglied: Google) läuft auf Geräten vieler Hersteller.
  • Microsoft nutzt für seine Smartphones und bisherigen Tablets die Produktlinie Windows Mobile / Windows Phone und für zukünftige Tablets das neu erschienene Windows 8 oder Windows RT. Auch hier gibt es unterschiedliche Gerätehersteller.

1.4. Barrierefreie Funktionen von Mobilgeräten (Beispiele)

Manche barrierefreien Funktionen sind bereits in die Mobilgeräte integriert und können damit herkömmliche Hilfsmittel ersetzen, die kostspieliger sind und von Hilfsmittelherstellern bislang speziell entwickelt werden mussten.

Apple bietet zum Beispiel für blinde und sehbehinderte Anwender eine „On-Board-Accessibility“, das heißt sowohl der Screenreader „Voice-Over“ als auch die Bildschirmvergrößerungs-Software „Zoom“ sind kostenlos im Mobilgerät integriert. Der Kauf eines Screenreaders ist also bei Geräten von Apple nicht mehr nötig. Auch eine Braillezeile kann per Bluetooth-Verbindung direkt mit dem Apple-Screenreader verbunden werden.

Für unterschiedlichste Behinderungen gibt es von Apple außerdem Zubehör wie Ein-Hand-Tastaturen, Taster-Stifte, Kopfmäuse und ähnliches. Für motorisch behinderte Personen gibt es neben dem Touchscreen zusätzliche Einstell- und Anpassungsmöglichkeiten wie zum Beispiel eine Verzögerungseinstellung bei der Bildschirmtastatur.

Für Menschen mit Hörbehinderung kann als Zubehör der mit einer Hörhilfe kompatible Induktionsbügel bestellt werden. Auch die vorne angebrachten Kameras helfen, per „FaceTime“ Videotelefonate in Gebärdensprache zu führen und optische Signale bei aller Art eingehender Nachrichten frei zu konfigurieren.

Für das Betriebssystem Android von Google werden derzeit Screenreader entwickelt, die zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht standardisiert sind.


2. Apps für die Unterstützte Kommunikation

  • Erste Kommunikation für Kleinkinder

    Durch Gesten oder Berührungen bestimmter Symbole auf dem Touchscreen werden beispielsweise Geräusche erzeugt oder Bilder sichtbar. Mit der Smartphone-Kamera können neue Fotos direkt als Symbol abgespeichert und generell jedes vorhandene Symbol mit einer Sprachmitteilung oder einem Geräusch hinterlegt werden.

    Andere Beispiele sind Apps zum Trommeln oder Malen mit Musik zum Erlernen des Ursache-Wirkung-Prinzips. Dazu zählt auch eine App, mit der Bücher für Kinder zunächst auf dem Touchscreen zum Anschauen abgebildet werden. Bei entsprechender Vorbereitung kann der vom Kind jeweils ausgewählte Abschnitt des Buches durch Berührung des Bildschirms dann vom iPhone oder iPad vorgelesen werden.

    Auf einen anderen Lernaspekt für Kinder mit Behinderungen zielen Apps zur Koordination zwischen Hand und Auge ab.

    Mit anderen Apps erstellt man sprechende Fotoalben oder Bücher. Jede Seite einer "Story" kann ein Bild und bis zu fünf Zeilen Text enthalten. Zusätzlich kann jede Seite auch mit Geräuschen oder Texten besprochen werden, so dass zu den Bildern die entsprechende Geschichte abgehört werden kann.

  • Komplexe Kommunikation

    In diesen Bereich gehören Apps zum Erlernen von Gebärdensprache für Menschen mit Hörbehinderung. Grundlagenarbeit hier leistet wiederum eine App, in der das große Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache enthalten ist.

    Hilfreich sind außerdem unterschiedlichste Text-to-Speach-Apps.

    Einer der Spezialbereiche von komplexen Kommunikations-Apps sind die Talker. Ein Beispiel ist eine symbolbasierte App zur Unterstützten Kommunikation, wodurch Menschen ohne bzw. mit wenig Lautsprache kommunizieren können. Einfach strukturierte Apps mit Talker-Funktion kann man kostenlos herunterladen.

  • Unterstützte Kommunikation auch für Android

    Da Unterstützte Kommunikation nicht in erster Linie auf Menschen mit Sehbehinderung abzielt, sollen hier auch Apps für Android erwähnt werden. Eine dieser Apps ist eine individuell anpassbare Kommunikationsoberfläche. Mit Hilfe eigener abgespeicherter Bilder oder mit Bildern direkt aus Google können Tafeln erstellt werden.


3. Apps für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung

  • Texterkennung
    Mit den Kameras bei iPhone und iPad haben vor allem vollblinde Menschen die Möglichkeit der mobilen Texterkennung. Musste bis jetzt jedes Printmedium stationär und zeitaufwändig eingescannt werden, fotografiert ein blinder Nutzer inzwischen spontan jede Speisekarte im Restaurant oder ein im Fortbildungsseminar verteiltes Handout. Dank diverser Apps, mit denen Schrifterkennung (OCR) funktioniert, wird jedes Schriftstück sofort als Textdatei aufbereitet und per Screenreader-Stimme oder verbundener Bluetooth-Braillezeile ausgegeben. Als Scanhilfe gibt es Ständer für die Kameraausrichtung.

  • Erkennen von Barcode
    Auch einige barrierefreie Barcode-Leser sind als App verfügbar. Ob blinde Menschen sie als Einkaufshilfe für Produkterkennung, zum Auffinden von Gegenständen zu Hause oder zum Sortieren von Akten am Arbeitsplatz nutzen - die Möglichkeiten sind auch hier vielfältig.

  • Farb- und Lichterkennung
    Für vollblinde Menschen kann eine App zur Lichterkennung dann sinnvoll sein, wenn sie sich zum Beispiel nicht mehr erinnern, ob das Licht in ihrem Büro ein- oder ausgeschaltet ist, nachdem sie Besuch von sehenden Kollegen hatten.

  • Banknoten
    Für vollblinde Menschen gibt es zur Banknotenerkennung eine App zum "Geld-Lesen".

  • DAISY-Abspielprogramme
    Das für blinde Nutzer inzwischen etablierte Format zur Strukturierung von Audio- und Textdateien ist schon seit längerem auch für Apple- Produkte zugänglich. Auf dem Markt gibt es mehrere Apps, die sich zum Vorlesen bzw. Abspielen von DAISY-Büchern eignen, jedoch noch nicht zur direkten Aufnahme/Erstellung von Dateien im DAISY-Format.

  • Spezielle Apps für Sehbehinderte
    - App, die eine Taschenlampen-Funktion im iPhone freischaltet
    - eine elektronische Lupen-App mit Schieberegler zur Zoom-Funktion auf dem Touchscreen (Alternative zum Kauf elektronischer Spezial-Lupen)


4. Weitere Apps für Menschen mit Behinderungen

Menschen mit motorischen und weiteren Sinnesbehinderungen profitieren von einer großen Bandbreite an weiteren Apps, die häufig von Beginn an barrierefrei oder barrierearm gestaltet sind.

Hier sind einige Beispiele für die Funktionsvielfalt von Apps aufgelistet:

  • Auffinden barrierefreier Orte
    Mehrere Organisationen haben mittlerweile den bundesweit geltenden Datenbestand ihrer Datenbanken als App aufbereitet. Zunehmend bieten auch Städte, Bundesländer oder Kommunen/Landkreise Datenbanken ihrer barrierefreien Orte an, oft auch als barrierefreie Städteführungs-App für Touristen. Bundesweit lassen sich noch ein "Toilettenfinder" für barrierefreie WCs und die App "Tankassistenz" nennen, mit deren Hilfe man nur solche Tankstellen findet, bei denen Autofahrern mit Gehbehinderung geholfen wird. 

  • Audios und Videos
    Apps zum Mitschneiden beliebiger Ereignisse, oftmals verknüpft mit direkter Upload-Funktion in wählbare Clouds oder Videoortale wie „YouTube“. 

  • Cloud Computing
    Apps zur gemeinsamen Nutzung von Dateien in einer Cloud, das heißt eine Online Backup-Lösung mit der App des weltweit genutzten Dienstes Dropbox. Per Drobbox gespeicherte Texte werden von dieser App automatisiert vor dem Lesen barrierefrei aufbereitet. 

  • Computerspiele
    Barrierefreie Computerspiele als Apps 

  • Dateiverarbeitung
    Dateiverarbeitung gängiger Formate ist mit eingeschränktem Funktionsumfang mit den drei Apps „Pages“, „Numbers“ und „Keynote“ (entspricht den drei gängigen Office-Standardprogrammen). Zum reinen Lesen von Office- oder PDF-Dateien erhält man entsprechende kostenlose Apps im Apple-Store. 

  • E-Books von Apple
    Apps zum Lesen von E-Books für blinde und sehbehinderte Menschen. Damit man nicht nur Apple-Books als blinder Nutzer lesen kann, gibt es im Internet inzwischen Konvertierungs-Werkzeuge, um E-Books anderer Anbieter auf Apple-Geräten zugänglich zu machen. 

  • Einkaufen
    Apps für Online-Einkaufsmöglichkeiten für alle Bereiche vom Online-Lebensmittelkauf über Amazon bis hin zu eBay. 

  • Fremdsprachen-Wörterbücher
    Apps als automatische Übersetzungssoftware mit direkter Spracheingabe 

  • Geld
    Apps für Online-Banking zur Verwaltung von Konten unterschiedlicher Banken 

  • Gesundheit
    Apps zur Gesundheitskontrolle vom Kalorienzähler bis zum Eintragen des aktuellen Gewichts usw.

  • iBooks
    Mit dem iBook Creator lassen sich barrierefrei eigene iBooks erstellen. 

  • Informationsbeschaffung
    Apps für Informationen von unterschiedlichsten Nachrichten, Zeitungen, Nachschlagewerken wie Wikipedia, Telefon- und Branchenbuch-Software 

  • Kommunikation
    Apps für Nachrichtendienste wie Skype 

  • Reisen und Mobilität
    - Apps für das Suchen der nächstmöglichen Haltestelle bis zur nahezu blindengerechten Fußgängernavigation
    - Apps zur Fahrplan- und Fahrtroutenauskunft oder direktem Fahrkartenkauf bei der Deutschen Bahn
    - Apps zur Suche nach Orten oder Veranstaltungen
    - Apps zum Erkunden fremder Städte für Touristen (Städteführer-Apps)

  • Soziale Netzwerke
    Apps für barrierefreie Zugänge für die gängigen sozialen Netzwerke 

  • Unterhaltung
    Apps zum Beispiel für Radiohören, MP3s oder TV-Programme 

Hier finden Sie einige beispielhafte Apps, die bei REHADAT Hilfsmittel dokumentiert sind.


5. Tipps zum Einkauf von Apps und Nutzerforen

Möchte man gezielt nach einer App suchen, muss man nach Einschalten des Smartphones oder Tablets auf dem Touchscreen nach dem Symbol für den App-Store Ausschau halten. Sobald man das Kästchen mit dem Finger angetippt hat, öffnet sich der App-Store des jeweiligen Betriebssystems, welches auf dem Mobilgerät läuft. Nun kann man im App-Store entweder verschiedene Kategorien nach Apps durchsuchen oder als Suchbegriff ein Thema, eine bestimmte Funktion oder natürlich auch den Namen einer App eingeben, wenn man diesen schon weiß.

Vor dem Kauf einer App sollten die Angaben immer geprüft werden. Hierfür können folgende Anhaltspunkte hilfreich sein:

  • Holen Sie sich Meinungen in Nutzerforen ein.
     
  • Prüfen Sie, ob die App in deutscher Sprache vorhanden ist. Nicht-deutsche Menüführungen können bei richtigem Umgang trotzdem hilfreich sein.
     
  • Soll die App für ein Smartphone oder Tablet geeignet sein? Manche Apps funktionieren z.B. nur mit dem iPad, andere aber auch (oder nur) mit dem iPhone.
     
  • Ist eine App, die man im Apple App-Store findet, auf allen Betriebssystemversionen von iOS lauffähig? Wenn ja, läuft sie auf allen iPhone- und iPad-Modellen?
     
  • Führt ein Direktlink eines Apps nicht auf eine der bekannten App-Stores der führenden drei Hersteller, sollte geprüft werden, ob diese App wirklich auf allen Betriebssystemen jedes Anbieters funktioniert. Hier gilt es, die genauen Anweisungen zu lesen und im Zweifelsfall nachzufragen.
     
  • Nicht alle als barrierefrei ausgewiesenen Apps sind es wirklich. Manche Apps enthalten lediglich eine barrierefreie Funktion wie z.B. akustische und vibrationsauslösende Anpeilhilfen bei der Suche nach einem bestimmten Ort. Hierzu können Nutzer-Kommentare in Internet-Foren nützlich sein. 

5.1. Produkte


5.2. Foren für Menschen mit Sehbehinderung


5.3. Foren für Unterstützte Kommunikation